Aus dem Leben eines Bleistifts

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Das ist meine Geschichte, die Story eines einfachen, kleinen Bleistiftes, geboren in den unendlichen Weiten des brasilianischen Regenwaldes oder aber als Abfallprodukt der Holzindustrie in der Eiffel. In der globalisierten Welt von heute kann man sowas ja nicht mehr genau sagen. Vorfahren können auf eine spannende, bewegende Geschichte zurückschauen. Bereits vor mehreren Jahrtausenden lebten meine ersten Vorfahren, als in Ägypten Bambus- oder Papyrusrohre mit Blei ausgegossen und zum Schreiben genutzt wurden. Hier zu Lande hießen meine Vorfahren erst Schreibblei, Reißblei oder Wasserblei. Meinen Namen trage ich zwar mit Stolz, aber nicht zu Recht, denn meine Mine wird bereits seit über einhundert Jahren aus einem Graphit-Ton-Gemisch hergestellt.

Viele Größen der Literaturgeschichte nutzten unsere Inspirationsgabe für ihre Dichtung. Sogar der große Goethe hielt viel von unseren Fertigkeiten und griff in seinen Worten: „weit lieber zum Bleistift, der williger seine Züge hergab, da das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten und Denken aufschreckte und ein kleines Produkt in der Geburt erstickte.“ Der berühmte deutsche Staatsmann Otto v. Bismarck kaute gerne an uns herum, um sich besser auf weltpolitische Entscheidungen konzentrieren zu können und nutzte uns auch gelegentlich zum Pfeifenstopfen.

Als junger Stift wurde ich oft wegen meiner „Schwarzmalerei“ gemobbt. Ich bin kein Fabriano oder Koh-i-Noor Hardtmuth und nicht wie die anderen Stifte rot, gelb, blau oder grün. Mein Schaft besteht nicht aus kostbarem Zedernholz des Virginischen Wacholders, das langsam wächst und somit sehr kostbar ist. Mehrere meiner Kollegen sind aus Ahornholz oder dem Holz der Linde. Ich bin aus dem Holz der Pinie gefertigt. Es gibt aber auch Kollegen von mir mit Mänteln aus Metall oder Plastik, die Druckbleistift oder Fallminenstift genannt werden. Nichts desto trotz bleibt aber auch der mit weißgoldener Kappe und drei Brillianten besetzte Verwandte von Faber-Castell trotz einem Wert von über 10.000 Euro nur ein Zeichengerät. Per anno werden allein bei Faber-Castell fast zwei Milliarden Bleistifte produziert.

Minderwertigkeitskomplexe plagen mich also nicht, da mich auch eine prächtige Zukunft, ein interessantes, bleistiftlanges Leben erwartet. In einer Kinderhand könnte ich auf Phantasiereise gehen und das Leben unvoreingenommen mit Kinderaugen erkunden. Auf dem Zeichenbrett eines Baumeisters könnte ich neue Bauwerke fabrizieren oder aber als Zimmermannsbleistift für millimetergenaue Messergebnisse sorgen.
Tief im Innersten von mir aber träume ich davon, Künstler zu werden. Was gibt es Schöneres als die kostbaren aber vergänglichen Momente des Lebens, das Portrait eines geliebten Menschen in all seinen Facetten oder liebgewordene Andenken an einen einzigartigen Weggefährten auf dem Papier zu verewigen? Wegen meiner Technik der äußerst feinen Linien kann ich Schattierungen und andere Effekte erzeugen, die meine Kollegen aus dem Gebiet der Pastellkreide und Zeichenkohle nicht realisieren können. Als Zeichengerät eines leidenschaftlichen Künstlers könnte ich seine außerordentliche Liebe zum Detail zu Papier bringen und so eine wunderschöne Bleistiftzeichnung zaubern, die wunderbar auch als Geschenk geeignet ist.

(Autor: Philipp-Martin Wegner)

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